Diderots Hausrock und meine neue Fotoseite

Ganz praktisch betrachtet

Was hat meine neue Fotoseite mit Denis Diderot, dem französischen Superstar der späten Aufklärung zu tun? Und warum ist das neue Design der Seite adäquat mit dem scharlachroten Hausrock Diderots zu verstehen?

Anfang des Jahres 2023 habe ich eine neue »alte« Seite auf Cronhill.de gelauncht, die Seite Fotografie. Ich fotografiere viel, aber außer Freunden und Familie zeige ich wenig nach außen. Muss ich auch nicht, möchte ich aber gerne. Mein Verständnis meiner Mitwelt hat sich in den letzten Jahren drastisch geändert, ich möchte genauer hinsehen.

So kam es dazu, dass die Seite Fotografie, wie sie bisher war, nun zu Recht Reisen heißt und es auf der neuen Fotoseite wirklich nur um die Bilder geht. Leider stellte sich bei Betrachtung der neuen Seite heraus, dass sie den visuellen Kontext von Cronhill.de alt aussehen lässt. Und in diesem Moment fiel mir der Morgenmantel ein. 

Schon lange geistert mir der Begriff des Morgenmantel-Problems im Kopf herum, ich habe mir aber nie die Mühe gemacht, es einmal richtig zu recherchieren. Meinem Dafürhalten nach, mit, wie ich heute sehe, wenig wissenschaftlicher Grundlage, war es immer ein englischer Autor gewesen, dem so geschah. Wie ich irrte.

Denis Diderot schrieb 1768 ein Essay mit dem Titel »Gründe, meinem alten Hausrock nachzutrauern«, das dem kanadischen Autoren und Anthropologen Grant McCracken als Vorlage für seine Beschreibung des sozialen Phänomens des Diderot-Effekts diente.

Und jetzt bin ich, mit dem Launch der Seite Fotografie — auch ohne Hausrock und Morgenmantel — jetzt selbst vom Diderot-Effekt, dem Hausrock-Problem betroffen und es ist Zeit noch einmal genau zu recherchieren, was es damit auf sich hat.

Diderots Hausrock und meine neue Fotoseite - Fotografie: Design und Layout meiner neuen Fotoseite in der responsiven Tabletansicht
Fotografie: Design und Layout meiner neuen Fotoseite in der responsiven Tabletansicht
Diderots Essay über einen geschenkten Hausrock

Welche Verwüstungen Luxus anrichtet

Denis Diderot (1713 - 1784) war ein französischer Abbé, Schriftsteller, Übersetzer, Philosoph, Aufklärer, Literatur- und Kunsttheoretiker und Enzyklopädist von etwa 6000 Artikeln, »der führende Kopf der französischen Spätaufklärung« wie ihn Hubertus Kohle nannte (H. Kohle, Denis Diderots Kunstbegriff, Seite 3). Er war ein vielbegabter Mensch, der laut Voltaire über ein »pantophiles« Wissen verfügt, er sei damit, so Voltaire, ein Mensch der alles liebt. Diderot schrieb auch ein Essay über Schönheit, »Traite? du beau«, das losgelöst von der französischen Encyclopédie erstmalig 1772 beim Verleger Marc-Michel Rey in Amsterdam erschien. »Traite? du beau« gehört zu den Büchern, die ich noch unbedingt lesen möchte, um mehr über das Schönheitsverständnis der Übergangsphase der Aufklärung zu verstehen, der sogenannten Koselleckschen »Sattelzeit« oder Epochenschwelle um 1750 (H. Kohle, ebd., S. 163.).

Diderot sitzt an seinem Schreibtisch und beklagt den Verlust seines verschlissenen aber lieb gewordenen Hausrocks, der mit vielen Tintenflecken die Tätigkeit des Literaten bezeugt hat. In dem Neuen sieht er aus wie ein reicher Tagedieb.

Quelle: Wikipedia; Gründe, meinem alten Hausrock nachzutrauern

In seinem Essay beschreibt er, welche Folgen es für ihn hatte, einen neuen, zu nichts in seinem Leben passenden scharlachroten Hausmantel geschenkt zu bekommen. Durch diesen einen Gegenstand änderte sich sein gesamtes Leben. Alles in seinem nächsten Umfeld, besonders aber in seinem Zimmer wirkt plötzlich falsch, überholt und überkommen.

Er beklagt sich:  

Denis Diderot:

Mein alter Morgenmantel war eins mit den anderen Lumpen, die in meinem Zimmer lagen, die mich umgaben. Ein Stuhl aus Stroh, ein Tisch aus Holz, ein Wandteppich aus Bergamo, ein Tannenbrett, auf dem einige Bücher lagen. Bücher, ein paar verrauchte Drucke ohne Rand, die an den Ecken an die Wand genagelt waren. Zwischen diesen Drucken befanden sich drei oder vier Bücher, die Gipsabgüsse bildeten zusammen mit meinem alten Morgenmantel eine Armut höchster Harmonie.

Quelle: Denis Diderot, 1768; Regrets sur ma vieille robe de chambre ou Avis à ceux qui ont plus de goût que de fortune

Erst der neue, moderne und scharlachrote Morgenmantel zeigt den Zustand auf, kontrastiert mit ihm, zerstört die liebgewonnene Harmonie. Jetzt muss auch der Rest seiner Wohnstatt erneuert werden. Der Stuhl aus Stroh wird durch einen Maroquinsessel verdrängt, leicht von einem Brett greifbare Bücher von Homer, Vergil, Horaz, Cicero verlassen das überlastete, krumme Tannenbrett und verschließen sich in einem Intarsienschrank, »ein Asyl der ihrer würdiger war als meiner«, schreibt Diderot.

Ein echtes Drama entwickelt sich:

Denis Diderot:

Der Holztisch machte noch das Terrain streitig, im Schutz einer Menge von Broschüren und Papieren, die durcheinander gestapelt waren schien er in der Lage, sich lange vor der drohenden Verbannung zu verstecken. Eines Tages wurde ihr Schicksal besiegelt und trotz meiner Faulheit wurden die Broschüren und Zettel in den Vitrinen eines wertvollen Schreibtisches verstaut. (...)

So verwandelte sich das erbauliche Reduit des Philosophen in das skandalöse Kabinett des Zöllners.

Quelle: Denis Diderot, 1768; Regrets sur ma vieille robe de chambre ou Avis à ceux qui ont plus de goût que de fortune

Vom einstigen Charme der Dichter- und Philosophenklause ist nichts geblieben. Und so beschließt er wenigstens den Teppich mit Webkanten zu behalten. Jeden Morgen, wenn er im prächtigen Scharlachrot sein Zimmer betritt, wird er im ganzen Luxus wenigstens durch ihn noch an seinen alten Stand erinnert.  

Diderot schließt mit dem berühmten Zitat:

Denis Diderot:

Die Armut hat ihre Freiheiten, der Reichtum seine Zwänge.

Quelle: Denis Diderot, 1768; Regrets sur ma vieille robe de chambre ou Avis à ceux qui ont plus de goût que de fortune

Er schreibt, er versichere, dass ihn nicht die »Sucht ergreift, schöne Gegenstände anzuhäufen« und sein Herz nicht vom Luxus vergiftet sei.

Im Grunde ist es für Diderot noch gut ausgegangen, denn ebenso wie das Zimmer dem Morgenmantel oder Hausrock nicht mehr gerecht wurde, könnte sein angestammtes Haus nicht mehr dem neuen Zimmer gerecht werden, und das Viertel nicht mehr dem neuerworbenen Haus gerecht und irgendwann passen auch die Freunde nicht mehr zum neuen Lebenswandel, mit neuen Möbeln, neuen Zimmern, neuem Haus und neuem Stadtviertel.

Eine endlose Kette von wahrscheinlich überflüssigen Entscheidungen, ausgelöst durch ein simples Geschenk wie einen Hausrock.

Das alte Layout der Seite Reisen, dass nun gegenüber der neuen Seite Fotografie optisch abfällt
Das alte Layout der Seite Reisen, dass nun gegenüber der neuen Seite Fotografie optisch abfällt
Diderot-Effekt

Der Kaufzwang

Der amerikanische Sozialwissenschaftler und Konsumforscher Grant McCracken prägte in seinem Buch Culture and Consumption in den 1980er Jahren den Diderot-Effekt. Der Effekt bezeichnet das Konsumverhalten von Menschen, die in einen Zwang geraten können, weitere Gegenstände zu kaufen, nach dem sie sich einen einen neuen Gegenstand gekauft haben.

Der Kulturwissenschaftler Dirk Hohnsträter hat es im Inventur Blog aufgeschrieben:

Interessant ist, dass der Diderot-Effekt nach McCracken den Konsum sowohl einschränken als auch entfesseln kann. Einschränken, weil ein Konsument nur diejenigen Produkte sucht, die zum Selbstbild seiner sozialen Gruppe passen und dieses symbolisch sichtbar machen. Entfesseln, weil ein neues Objekt – wie in Diderots Fall – den Erwerb zahlreicher anderer auslöst.

Quelle : Dirk Hohnsträter, Denis Diderot und der Diderot-Effekt, 2013

Der neue Schrank, zu dem der Esstisch nicht mehr passen will, die neue Hose, über der der Lieblingspullover zu alt aussieht - neue Dinge können danach eine Vielzahl von Konsum- beziehungsweise Kaufentscheidungen, ja sogar vielleicht so wie bei Diderot regelrechten Änderungsstress auslösen. Davon profitieren unter anderem Bekleidungsunternehmen, der »Fast Fashion« trägt zusätzlich dazu bei, dass die sich die »Immer schneller, immer neuer»-Spirale zum Nachteil von Mitwelt und Ressourcen beschleunigt dreht.

Wie vermeiden?

In jedem Fall glaube ich, dass geschickte Konsumentscheidungen den durch den Diderot-Effekt ausgelösten Stress vermindern können. Bei unseren Neuanschaffungen sollten wir mehr an die Harmonie zwischen Alt und Neu denken. Dies kann — meiner Meinung nach — gerne auch ein gebrauchtes Kleidungs- oder Möbelstück sein. Es muss nicht immer etwas Neues sein, mit solchen Entscheidungen können wir auch etwas zur Nachhaltigkeit beitragen. Noch vor 100 Jahren wurden Möbelstücke über Generationen vererbt, weil ihre Anschaffung einfach sehr teuer war.

Mit minimalen Veränderungen fühlen sich die Seiten Reisen und Malerei gegenüber dem neuen Layout der Seite Fotografie schon nicht mehr so fremd an.
Mit minimalen Veränderungen fühlen sich die Seiten Reisen und Malerei gegenüber dem neuen Layout der Seite Fotografie schon nicht mehr so fremd an.
Meine Website Cronhill.de

Die neue Kategorie Fotografie

Vielleicht kann man den Diderot-Effekt nicht unbedingt auf jede Entscheidung, jeden Bereich des Lebens übertragen. Nicht alles was neu oder anders ist, muss mit dem Vorhandenen kontrastieren. Nicht alles Neue verleitet uns dazu, das Alte in einem neuen Licht zu sehen. Im Gegenteil, wir können durch aus Dinge in unser Leben bringen, die Vorhandenes sinnvoll ergänzen. Vielleicht wir sollten wir sogar unsere Entscheidungen und Veränderungen so wählen, dass sie uns nicht in die Zwänge des Diderot-Effekts treiben. Dazu können zum Beispiel sehr gut gebrauchte Möbel und Kleider gehören, die das abgenutzte Bild unserer Wirklichkeit sinnvoll ergänzen, einen weiteren ästhetischen Flicken unserer künstlichen Alltagswelt bilden.

Ich zumindest musste jedenfalls an den Hausrock denken, als ich meine neue Seite Fotografie gestaltet und angelegt habe. Denn nach dem sie online war, stellte ich fest, dass auf Cronhill.de nichts mehr so recht zu ihr zu passen scheint. Weder die anderen Kategorien wie Reisen und Malerei, noch die Startseite. Sie wirken jetzt nach drei Jahren neben der neu gestalteten Seite überholt. Wie die Möbel eines Zimmers, in die ein neuer, scharlachroter Hausrock einzieht.

Ein gänzlich neues Design für die Seiten Malerei und Reisen kann und will ich mir aber im Moment nicht leisten. Dafür fehlt die Zeit.

Es ist aber durchaus möglich, mit subtilen Veränderungen, das Layout zumindest soweit zu verbessern, dass die Unterschiede in den Layouts nicht mehr so signifikant und prägnant sind. Deswegen hat es jetzt ein kleines Update gegeben. Die Seiten Reisen und Malerei bekamen einen neuen aufgewerteten Header und jeweils ein Zitat zugeordnet.

Wer mich kennt ahnt es schon: Auch die Zitate haben wieder zu neuen aufregenden Recherchen geführt. Ich befinde mich weiterhin im Drift-Zustand. Ich hoffe, dass ich in Kürze etwas zu Stevensons Essay über das Wandern schreiben kann.

tl, dr;

Der Diderot-Effekt beziehungsweise Diderots Hausrock hat etwas mit dem neuen Design meiner Fotografie-Seite zu tun. Das Design lässt den Rest der Seite alt aussehen und zwingt mich zum Handeln.

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